Hygiene gilt als Grundpfeiler jeder pflegerischen und medizinischen Versorgung. In der Praxis kommt sie jedoch zu oft zu kurz — die Gründe liegen nicht beim einzelnen Personal, sondern in den strukturellen Bedingungen.
Wenn Pflege zu Akkordarbeit wird
In Pflegeheimen und Krankenhäusern ist Hygiene-Compliance eine Frage der Zeit. Wer nachts allein für 30 Bewohner verantwortlich ist, schafft die volle Hygiene-Routine nicht — Händedesinfektion vor jedem Patientenkontakt, Schutzkleidung wechseln, Flächendesinfektion nach jeder Maßnahme. Was unter Idealbedingungen 30 Sekunden dauert, summiert sich auf zig Minuten pro Schicht.
Studien des Robert Koch-Instituts zeigen: Die Händehygiene-Compliance liegt in deutschen Krankenhäusern deutlich unter dem WHO-Empfehlungswert. Die Folge: vermeidbare nosokomiale Infektionen, MRSA-Übertragungen, Wundinfektionen.
Was die Mängel kosten
Das Robert Koch-Institut geht davon aus, dass in Deutschland jährlich rund 600.000 nosokomiale Infektionen auftreten — bis zu 20.000 Todesfälle stehen damit im Zusammenhang. Etwa ein Drittel dieser Infektionen gilt als vermeidbar.
Die deutsche Punkt-Prävalenzerhebung 2022 (PPS 2022) fand bei 3,9 Prozent aller Patient:innen einer repräsentativen Krankenhausstichprobe eine Krankenhausinfektion. Auf Intensivstationen lag die Prävalenz bei 17 Prozent, auf Normalstationen bei 4,3 Prozent. Häufigste Infektionsarten: postoperative Wundinfektionen (23,5 %), Infektionen der unteren Atemwege (21,6 %), Harnwegsinfektionen (19,0 %) und primäre Blutstrominfektionen (6,7 %).
Die wirtschaftlichen Folgen sind ebenfalls erheblich: längere Krankenhausaufenthalte, teurere Behandlungen, Personalausfälle. Geld, das bei besseren Personalschlüsseln eingespart werden könnte.
Personal als Multiplikator
Hygienemängel betreffen nicht nur Patient:innen — auch das Personal trägt Risiken. Übertragungen von Keimen können das Pflegepersonal selbst krank machen, was den Personalmangel weiter verschärft. Die hohe Zahl an Krankheitstagen in Pflegeberufen hat hier eine ihrer Wurzeln.
Was wirklich hilft
- Verbindliche Personalbemessung, die genug Zeit für Hygiene-Routinen einplant
- Standardisierte Hygienekonzepte in jeder Einrichtung, die nicht beim ersten Personalengpass kippen
- Bezahlte Hygieneschulungen mit regelmäßigen Auffrischungen
- Ausreichende Ausstattung mit Schutzkleidung, Desinfektionsmitteln, Einweg-Materialien
- Hygienefachkräfte in jeder Einrichtung — nicht nur in Großkrankenhäusern
Ohne Personal und Zeit ist Hygiene nicht zu leisten — und die Konsequenzen tragen am Ende alle.