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Abbruchquote in der Pflegeausbildung — jeder Dritte gibt auf

Die Pflegeausbildung wächst — rund 63.900 neue Ausbildungsverträge 2025, acht Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt befinden sich rund 158.000 Menschen in einer Pflegeausbildung — so viele wie nie zuvor. Trotzdem bricht ein erheblicher Anteil ab.

Aktualisiert am

Mit der generalistischen Pflegeausbildung 2020 hat Deutschland ein modernes, EU-konformes Ausbildungssystem geschaffen. Die Bewerber-Zahlen wachsen seitdem jedes Jahr. Aber: Die Abbruchquote bleibt hoch — und in der Pflegehilfe-Ausbildung sogar dramatisch.

Zahlen 2024/2025

Kennzahl 2024 2025
Neue Ausbildungsverträge Pflegefachkraft 59.400 (+ 9 % ggü. 2023) 63.900 (+ 8 %) — drittes Rekord­jahr in Folge
Insgesamt in Pflegeausbildung ca. 147.000 rund 158.000 — Rekord seit Einführung der Generalistik
Erfolgreiche Abschlüsse 37.400 35.300 (zurückgegangen)
Pflegestudium (Studienanfänger:innen / insgesamt) 740 / 1.200 ca. 800 / 1.800
Männeranteil unter den neuen Azubis 24 % (2020) 29 %

Die Abbruchquote wird uneinheitlich berichtet: NRW meldet in einer BIBB-Sonderauswertung eine Vertragslösungsquote von rund 46 Prozent, Berlin und Brandenburg über 40 Prozent. Wichtig zur Einordnung: Vertragslösung ist nicht identisch mit Abbruch — ein Wechsel der Praxiseinrichtung wird statistisch als Vertragslösung geführt, auch wenn die Ausbildung fortgesetzt wird. Bei einer Netto-Abbruchquote von rund 30 Prozent bleiben bei 63.900 Anfängern effektiv etwa 44.000–45.000 Absolvent:innen — bei einem strukturellen Bedarf von 70.000–80.000 Vollzeit-Äquivalenten.

Warum so viele aufhören

Befragungen von Pflegeschulen und der Generalistik-Begleitstudie zeigen drei Hauptgründe:

1. Kluft zwischen Theorie und Praxis (40 %) Auszubildende lernen in der Schule moderne, evidenzbasierte Pflege — und treffen in der Praxis auf Unterbesetzung, fehlende Praxisanleitung und „Lehrbuch interessiert hier niemanden". Die kognitive Dissonanz wird oft als unauflöslich erlebt.

2. Belastung im Praxisteil (30 %) Schichtdienst von Tag eins, oft alleinverantwortliche Betreuung, fehlende strukturierte Anleitung. Statt zu lernen, müssen Azubis Personallücken füllen. Wer mit 18 in die Ausbildung kommt, erlebt selten ein realistisches Lernumfeld.

3. Familiäre / wirtschaftliche Gründe (20 %) Schichtdienst vereinbart sich schwer mit Kinderbetreuung. Wer als Quereinsteiger:in mit 30+ in die Ausbildung kommt, kann sich oft das Ausbildungsgehalt (rund 1.300 €/Monat im 1. Jahr) finanziell nicht leisten.

4. Mobbing / Konflikte (10 %) „Kollegiale Härte" gegen Auszubildende ist in vielen Einrichtungen verbreitet — aus Frust der überlasteten Stammkollegen, aber mit fatalen Folgen für den Nachwuchs.

Was wirklich hilft

Aus der Generalistik-Begleitstudie und der Pflegeausbildung.net-Erhebung 2025 lassen sich vier wirksame Hebel ableiten:

  1. Bezahlte Praxisanleitung mit Zeitkontingent. Heute ist Praxisanleitung oft eine Nebenrolle ohne Zeitfreigabe. Wer als Azubi-Begleiter eingesetzt ist, sollte mindestens 10 Prozent seiner Arbeitszeit dafür freigestellt bekommen — bezahlt.
  2. Standardisierte Onboarding-Konzepte. Strukturierte erste 3-6 Monate mit graduell wachsender Verantwortung statt „Sprung ins kalte Wasser".
  3. Mentoring-Programme. Eine erfahrene Pflegekraft als feste Bezugsperson über die gesamte Ausbildung — nicht wechselnde Anleiter pro Schicht.
  4. Regelmäßige Auswertungs- und Reflexionsgespräche mit beruflicher Perspektive — Aufstiegsoptionen sichtbar machen, nicht nur Defizite besprechen.

Modelleinrichtungen mit konsequentem Onboarding berichten Abbruchquoten von unter 10 Prozent — der Beweis, dass das Problem strukturell, nicht individuell ist.

Diskutierte Reformansätze

In der bildungs- und pflegepolitischen Diskussion werden folgende Hebel genannt:

  • Bundesweite Mindeststandards für Praxisanleitung im Berufsschul-Curriculum
  • Refinanzierung der Anleitungs-Stunden über die Pflegesätze
  • Erhöhung des Ausbildungsgehalts in der Pflegehilfe (heute teilweise unter Mindestlohn)
  • Quereinsteiger-Förderung mit Aufstockungs-Modellen für Erwachsene über 25

Im Bundestag wurden zwischen 2024 und 2025 mehrere Anträge zu diesen Themen eingebracht. Der Beratungsstand ist offen.

Was Auszubildende selbst tun können

Wenn Sie selbst in der Pflegeausbildung sind und mit Abbruchgedanken kämpfen:

  • Pflegeschule und Praxisanleiter ansprechen — Konflikte verlieren oft ihre Schärfe, wenn sie benannt werden
  • Gewerkschaft (ver.di Jugend) kontaktieren — kostenlose rechtliche Beratung zu Arbeitsrecht und Ausbildungsbedingungen
  • Wechsel der Praxiseinrichtung — möglich und oft die richtige Antwort, wenn das aktuelle Umfeld kaputt ist
  • Unterstützung beim Pflegestützpunkt — auch psychologische Beratung wird teilweise angeboten

Pflege ist ein guter Beruf, wenn das Umfeld stimmt. Wenn nicht — die Schuld liegt selten bei den Azubis.