liberale Pflegepolitik erhöht die Belastung

Um Ursachen und Wirkung des gegenwärtigen Pflegenotstands zu verstehen muss man in die Vergangenheit schauen, als die Pflege zu großen Teilen in die Hände der freien Wirtschaft gegeben wurde.
Experten und Betroffene sehen einen engen Zusammenhang zwischen der Liberalisierung der Pflege in den 90er und 2000er Jahren und der gegenwärtigen Pflegekrise. Denn sowohl die stationäre als auch die ambulante Pflege sieht sich mit zunehmenden Problemen konfrontiert.

Die Einführung von Wettbewerb und privatwirtschaftlichen Prinzipien gilt daher vielen als wesentliche Ursachen der Pflegenot in Deutschland.


Mit der Liberalisierung sank die Betreuungszeit für den Einzelnen

In den letzten 20 Jahren erlebte die Pflege weitreichende Veränderungen. Während wirtschaftliche Interessen bis dato weitgehend zurückgestellt wurden, schufen die Gesetzesänderungen in den letzten beiden Jahrzehnten die nötigen Voraussetzungen für den liberalen Wettbewerb in der Pflege.

So wurden beispielsweise private Anbieter, Wohlfahrtsdiensten, Sozialstationen und weiteren Verbänden rechtlich gleichgestellt. Um die Rentabilität der nunmehr als Unternehmen organisierten Dienste zu erhöhen, bemühten sich die Verantwortlichen um die Rationalisierung ihrer Betriebe. Dies führte zunächst einmal zu massiven Einsparungen beim Personal, denn auch für Heime und Pflegedienste stellen die Gehälter einen immensen Kostenfaktor dar.

Die Folge war weniger Personal und damit Zeit pro Patienten. Im europäischen Vergleich gibt es in kaum einem anderen Land ein solches Missverhältnis zwischen Anzahl Pflegekräften und Patienten.
Zum Vergleich: Während in den Niederlanden 6,9 Patienten auf eine Pflegekraft kommen, sind es in Deutschland 13.


Gewinninteresse ist eine der Ursachen für den Pflegenotstand

Die Liberalisierung hatte einen weiteren Effekt auf den Gesundheitsmarkt. Plötzlich wurden Dienstleistungen in diesem Bereich auch für Investoren interessanter. Aus wirtschaftlicher Sicht ist es zwar grundsätzlich von Vorteil, wenn die Betriebe in dieser Branche heute professioneller und managementorientierter geführt werden.

Die Kehrseite spüren die Pflegedienstleitungen bei der Personalplanung. Geldgeber tätigen die Investments in „Pflegebetten“ in der Regel mit der Absicht, kurz bis mittelfristig Gewinn zu erzielen. Und Rendite lässt sich am einfachsten durch Einsparungen und Rationalisierungen in der Pflege erreichen.

Auch die Investoren sind damit Mitverursacher des Pflegenotstands. Durch die Kapitalisierung entwickelte sich die Pflege zu einem Produkt, bei der die Gewinnmarge im Vordergrund steht. Was generell in der Wirtschaft zu günstigeren Herstellungskosten führt, resultierte in der Pflege zu einer schlechteren Betreuung der Patienten.


Ursachen des Personalmangels liegen in der Vergangenheit

Zwar hat die Politik nach und nach erkannt, dass es nachhaltige Veränderungen in der Pflege braucht. Doch die Neueinstellung von Pflegepersonal scheitert häufig an fehlenden Bewerbern. Durch den Wegfall vieler Ausbildungsplätze in der Pflege in den 2000ern, mangelt es heute an ausgebildetem Personal. Diese Entwicklung war eine direkte Ursache der Einsparungen in der Vergangenheit.

Als Reaktion wurde die Pflegeausbildung reformiert und gibt es inzwischen von Seiten der Politik und der Kassen Zusagen zur Finanzierung neuer Ausbildungsplätze. Dennoch bleibt die Suche nach neuen Auszubildenden schwierig.


Arbeitsbedingungen müssen reguliert werden

Um die gegenwärtig angespannte Situation zu verbessern, gibt es inzwischen Versuche die Pflegekosten für Einsparungen unattraktiv zu machen. Erster Ansatz sind die Pflegepersonaluntergrenzen die inzwischen in vielen Bereichen gelten.

Wenngleich die Untergrenzen nach Meinung mehrerer Experten viel zu knapp bemessen wurde, so stellt sie doch zumindest einen Schritt in Richtung mehr Personal dar.

Ein weiterer Schritt zu mehr Personal ist auch die Finanzierung der Pflegeausbildung über einen Ausgleichsfond, wie bspw. in NRW. Dennoch bleibt offen, ob es nicht einer grundlegenderen Reform und einer stärkeren Regulierung der Träger braucht um auch zukünftig eine würdevolle Pflege möglich zu machen.

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